A. Cristina de la Vega-Leinert, Susanne Stoll-Kleemann und Elke Wegener

27. November 2017

geschrieben in Alle Neuigkeiten, ESP-DE Blog

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Feuchtgebiet auf Darß

Welche Art von Natur und Landwirtschaft wollen Menschen an der Küste? Sind eher Urlandschaften oder Kulturlandschaften für lokale Einwohner und Touristen attraktiv? Was ist schützenswert? Ist eine rentable Landwirtschaft mit naturnahen Landschaften kompatibel? Wollen wir eine resiliente, dynamische Küste zulassen, die langfristig einen effektiveren Puffer gegen zukünftige Klimafolgen erlauben könnte, auch wenn dies Ausdeichung bedeutet, was die gegenwärtige Landwirtschaft und unsere vertrautes Landschaftsbild vermutlich stark ändern wird? Können wir es uns ökonomisch und ökologisch leisten, die gesamten gegenwärtigen Agrarflächen an der Küste gegen den steigenden Meeresspiegel und dessen Auswirkungen zu schützen? Wer soll dies finanzieren? Wer entscheidet, wie die Küste zukünftig zu gestalten ist? Dürfen Bürger diese Entwicklung aktiv mitentscheiden und mitgestalten? Und inwieweit darf das Gemeinwohl auf Kosten individueller Verluste gesichert werden?

Diese sind einige der Fragen, mit denen wir uns in einem kürzlich im Journal of Coastal Research erschienen Artikel beschäftigen. Angesichts der möglichen zukünftigen Folgen des Klimawandels an der Küste Nordeuropas und der Extensivierung der Landwirtschaft in benachteiligten marginalen ländlichen Räumen, scheinen Deichrückverlegungen oder –entfernungen aus ökologischer, ökonomischer und regionalplanerischer Sicht eine wünschenswerte Option.

Schilf am Barther Bodden

Konkret bedeutet dies, dass in spezifisch definierten Küstenabschnitten ältere Deiche aktiv zurückgebaut oder nicht mehr gepflegt werden, damit langfristig die natürlichen Küstendynamiken wiederhergestellt werden können. Dafür sprechen mehrere Vorteile, insbesondere ein besserer Schutz der Küsten, deren Bevölkerung und wertvoller Ökosysteme durch den Wiederaufbau natürlicher Puffer und eine effektivere Nutzung der ohnehin knappen öffentlichen Gelder durch die Senkung der Kosten im Küstenschutz.

Andererseits werden sich durch Deichrückverlegungen die Landschaften in Küstennähe und die Nutzung des Küstenraums ändern. Da Siedlungen per Gesetz prioritär geschützt werden, gefährden Deichrückverlegungen nicht das Leben von Menschen. Dennoch werden das Sicherheitsgefühl der lokalen Bevölkerung und das Gefühl, wie sie das Land unter diesen Umständen kontrollieren können, angesprochen. Das kann zu Widerstand und Konflikten führen, aber auch ein Weg sein, einen Konsens zu erreichen.

Die kontroverse Debatte um Deichrückverlegungen als mögliche Küstenschutz-Strategie im ländlichen Raum spiegelt wider, wie unterschiedlich Politiker, Wissenschaftler, Umweltaktivisten, Landwirte und im Allgemeinen die lokale Bevölkerung den Küstenraum betrachten. In der Tat kann der Küstenraum als Wohnraum, Lebensgrundlage, touristische Attraktion und Identitätsmerkmal wahrgenommen werden. Aber auch als strategische CO2-Senke, um nationale Ziele zur aktiven Verringerung der Treibhausgasemissionen zu erreichen, als wichtige Brut- und Raststätte für international geschützte Flugvögel oder als Reservoir für Kompensationsflächen, die bei neuen Infrastruktur- und Bauvorhaben gesichert werden müssen. Diese unterschiedlichen Ziele sind nicht unbedingt kompatibel. Einerseits wird die aktive Gestaltung des Küstenraums durch Deiche und Bewässerungsanlagen erforderlich, andererseits wird durch den geplanten Rückzug der Küste ins Landesinnere eine Extensivierung der Landwirtschaft und die Vernässung und Versalzung der Küstenökosystemen gefördert.

Wiese auf Zingst

Folglich wird Küstenschutz zunehmend als Aufgabe des Küstenlandschaftsmanagements wahrgenommen. Durch zwei gegensätzlichen Fallstudien auf der Halbinsel Ostzingt der Darß-Zingster-Boddenkette und im Norden der Insel Usedom an der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern stehen folgende Fragen im Mittelpunkt: Wer darf entscheiden, ob ein Küstenabschnitt dem Meer überlassen wird und wie darf diese Entscheidung getroffen werden? Im Fall des Ostzingst zeigen wir, dass dort, wo öffentliches Land betroffen ist, über Projekte zur Deichrückverlegung verhandelt werden kann, wenn Vorteile für alle wesentlichen betroffenen Akteure bereitgestellt werden können

Für weitere deutschsprachige Information über das Renaturierungsprojekt auf der Sundischen Wiese finden Sie im StAUN-Newsletter vom Dezember 2006 und einer Publikation zum Thema zum Thema Sturmflutschutz und Renaturierung.

Nichtsdestotrotz, wo die lokale Bevölkerung sich durch derartige Projekte negativ betroffen fühlt, wie zum Beispiel im Norden Usedoms, besteht die Möglichkeit, dass sie sich über die Bürgerbeteiligung Gehör verschafft und im Widerstand organisiert, um als geschlossene Partei im Entscheidungsprozess bezüglich der Deichrückverlegung wahrgenommen zu werden.

Für weitere Information über den Fall Nordusedom finden Sie in einem Protokoll des Kabinetts von Mecklenburg-Vorpommern aus dem Jahr 2014 und der Homepage einer Bürgerinitiative gegen die Deichrückverlegung.

Unsere Studien haben ergeben, dass, wenn Bürger ihr Recht auf Mitbestimmung zur küstenbezogenen Politik wahrnehmen, auch deren Ablehnung respektiert werden sollte. Wenn es einen breiten Konsens über die Idee der Resilienz von Küsten als Allgemeingut gibt, sollten die individuellen Verluste, die aus Projekten zur Deichrückverlegung resultieren können, berücksichtigt und kompensiert werden.

Veröffentlichung:
Anne Cristina de la Vega-Leinert, Susanne Stoll-Kleemann, and Elke Wegener (2017) Managed Realignment (MR) along the Eastern German Baltic Sea: A Catalyst for Conflict or for a Coastal Zone Management Consensus. Journal of Coastal Research (In Druck). https://doi.org/10.2112/JCOASTRES-D-15-00217.1
Verfasserinnen:

A. Cristina de la Vega-Leinert und Susanne Stoll-Kleemann sind vom Institut für Geographie und Geologie der Universität Greifswald.

Deichrückverlegung als Chance oder Hinderung in der Gestaltung einer resilienten und demokratischen Küstenraumpolitik

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