Annegret Haase, Dagmar Haase, Sigrun Kabisch

21. August 2017

geschrieben in ESP-DE Blog

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Der Beitrag befasst sich mit den sozialräumlichen Auswirkungen von städtischen Begrünungsstrategien. Er diskutiert Zielkonflikte zwischen einer grünen und einer sozialen Aufwertung von Stadtquartieren. Insbesondere nimmt er in den Blick, was passiert, wenn Begrünung zum bewussten Teil marktorientierter Stadtentwicklung wird, und wer unter diesen Bedingungen von Wertsteigerung durch Grün profitiert und wer nicht.

Begrünungsstrategien als wichtiger Faktor für Lebensqualität, Gesundheit und Wohlbefinden haben in den letzten Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Beispiele hierfür reichen von neu angelegten Parks auf Brachen, urbanen Gemeinschaftsgärten, grünen Zwischennutzungen und neuer Straßenbegrünung, bis hin zu grünen Fassaden sowie Gründächern und all den Ökosystemdienstleistungen, welche sie bieten. Gleichzeitig rückt Stadtgrün immer mehr in die Aufmerksamkeit marktorientierter Neubau- und Aufwertungslogiken. Zielkonflikte zwischen einer ökologisch nachhaltigen und sozialverträglichen Stadtentwicklung werden deutlich. Neue Debatten wie etwa die zur „Eco-Gentrification“ oder zu „grünen Ungleichheiten“ greifen diese Themen auf; sie fragen insbesondere nach den sozialräumlichen Konsequenzen “grüner Aufwertung” und dokumentieren Prozesse von Segregation und Verdrängung zu Ungunsten einkommensschwächerer Haushalte. Diese Debatten werden aktuell von der Wissenschaft in Form von Artikeln aber auch einer breiteren politisierten Öffentlichkeit im Internet geführt.

Es ist der noch allzu oft unkritisch betrachtete Zusammenhang zwischen Begrünung, sogenannten naturbasierten Lösungen und ihren sozialräumlichen Auswirkungen unter Marktbedingungen, welcher genauer zu untersuchen ist. Unter Umständen können Begrünungsstrategien paradoxerweise sogar zur Vergrößerung sozialräumlicher Ungleichheiten bzw. damit verbundener Ungerechtigkeiten und der Ausgrenzung von Niedrigeinkommensgruppen beitragen. Um Missverständnissen vorzubeugen: Generell trägt Stadtgrün entscheidend zur Steigerung von Wohn- und Lebensqualität bei und erreicht viele Nutzer. Gleichzeitig bleiben manche Folgen einer „grünen“ Aufwertung unbeachtet, und es wird nicht über den Zusammenhang mit generellen marktgesteuerten Prozessen nachgedacht. Im Extremfall haben wir daher immer mehr und anspruchsvolle Begrünung in unseren Städten und gleichzeitig weniger Zugang zu diesem Grün für einkommensschwache und andere benachteiligte Gruppen. Während die oberen Einkommensgruppen zu den Profiteuren von neuen grünen oder blauen Qualitäten ehemals wenig attraktiver Wohnlagen gehören, z. B. durch stark durchgrünte und in Flussnähe gelegene neue Wohnprojekte, müssen Ärmere eine Verdrängung aus diesen Wohnstandorten aufgrund steigender Mieten befürchten. Die Gefahr besteht also keineswegs im Begrünen selbst, sondern in seiner Einordnung als feste Größe in Markt- oder renditeorientierte Wertzuschreibungen. In der wissenschaftlichen Debatte wird das auch als „sustainability fix“ bezeichnet.

Bild 1: NYC High Line. Copyright: Dagmar Haase

Konkrete Beispiele wie die New Yorker High Line (Bild 1), das vielleicht prominenteste Beispiel für die „Eco-Gentrification“-Debatte, zeigen die angesprochenen Zielkonflikte. War die Umgestaltung der ehemaligen Bahntrasse im Süden von Manhattan zunächst als von unten getragenes Sanierungsprojekt geplant, so wurde es schnell zum touristischen Anziehungspunkt und Aufwertungsfaktor für die Umgebung mit der Folge einer Verdrängung ärmerer Haushalte. Neu geschaffene Parks auf Brachen, wie sie etwa in ostdeutschen Großstädten (wie der Lene-Voigt-Park in Leipzig in Bild 2) oder im Ruhrgebiet in den letzten Jahrzehnten entstanden sind, haben in einigen Fällen den Quartierswandel beschleunigt und zu einem selektiven Zu- und Wegzug geführt, nicht selten zu Lasten einkommensschwächerer Haushalte. Dies ist in Deutschland insbesondere in solchen Städten zu beobachten, wo es nach längerer Zeit der Schrumpfung zu neuem Wachstum und steigender Nachfrage nach innerstädtischem Wohnraum kam. Die dringend notwendige Beseitigung einer Unterversorgung mit Grün und die Sanierung der Bausubstanz wurden hier in wenigen Jahren zu einem Attraktivitätsfaktor für hochpreisiges Wohnen mit der Konsequenz zunehmender sozialer Entmischung.

Bild 2: Lene-Voigt-Park in Leipzig. Copyright: Annegret Haase

Anhand dieser wenigen Beispiele wird deutlich: Begrünung ist per se nicht sozial gerecht und führt auch nicht automatisch zu sozialverträglicher Entwicklung. Eine stärkere Kontextbetrachtung und ein Fokus auf sozial-ökologische Zielkonflikte im Rahmen einer marktgesteuerten Stadtentwicklung sind demnach unabdingbar; sie gehören in den Fokus der Debatte über eine nachhaltige Stadtzukunft. Wie aber stellt man sicher, dass Begrünung in der Stadt einer sozialverträglichen Entwicklung zugutekommt? Dazu haben wir sechs Thesen entwickelt, die hier zur Diskussion gestellt werden:

  1. Zukünftige Begrünungsstrategien öffentlicher Räume sollten sich weniger auf Mittelklasse- oder gehobene Viertel konzentrieren, die ohnehin oftmals privilegiert sind. Bestehende Ungleichheiten werden allein durch Begrünung nicht aufgehoben oder abgemildert. In einigen Fällen werden neu geschaffene grüne Qualitäten sogar zu Begleitern einer weiteren sozialen Entmischung, wenn sich etwa nur zahlungskräftige Haushalte diese Wohnangebote in der Nähe zu Parks oder Wasserflächen leisten können.
  2. Planungsprozesse für neues Grün müssen die Vorstellungen und Prioritäten vieler Gruppen von Bewohnern berücksichtigen und die sozialen Auswirkungen einer gesteigerten Wertschöpfung durch mehr Grün im Blick behalten. Eine inklusive Planung bedeutet zumindest die Anerkennung und weitestgehende Berücksichtigung verschiedener, im Extremfall sogar widersprüchlicher Bedarfe an Grün im Stadt- und Wohnbereich.
  3. Grün ist weder per se gerecht noch automatisch sozialverträglich. Hier ist die Stadtgesellschaft gefragt: Insbesondre unter Marktbedingungen wird Grün immer öfter zum Begleiter marktorientierter Aufwertung. Daher gehören Zielkonflikte zwischen einer ökologischen Aufwertung und der Sozialverträglichkeit ins Zentrum der Debatte um nachhaltige Stadtentwicklung.
  4. Städtisches Grün muss so geplant und gestaltet werden, dass es von möglichst vielen Bewohnern unserer immer diverseren Stadtgesellschaften genutzt werden kann. Es geht hierbei nicht allein um den Zugang zu Grün, sondern auch um die Schaffung geeigneter Räume für verschiedene Nutzungen, Nutzergruppen und Bedarfe. Begrünung sollte als ein grundlegender Faktor bei der Planung aller Arten von Wohn- und öffentlichem Raum Berücksichtigung finden.
  5. Die Unterhaltung urbane Grünflächen sollte so inklusiv wie möglich sein, um das gemeinschaftliche Verantwortungsverständnis aller Bewohner und Nutzer zu stärken. Insbesondere das Erreichen teilhabeferner Gruppen, z.B. junger Migranten oder kontaktarmer Älterer, sowie die Berücksichtigung ihrer Bedarfe stellen hierbei eine Herausforderung dar.
  6. Städtische Begrünungsstrategien müssen immer im lokalen Kontext gedacht und diskutiert werden. Insbesondere Zusammenhänge zu wohnungsmarktbezogenen und sozialräumlichen Differenzierungsprozessen sind zu beachten. Nur so kann die grüne Stadt von heute und morgen auch sozialverträglich sein.
Ansprechpartnerin:

Annegret Haase, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ, Department Stadt- und Umweltsoziologie, Permoserstr. 15, 04318 Leipzig, annegret.haase@ufz.de

Veröffentlichung:

Haase, D., Kabisch, S., Haase, A. et al. (2017): Greening cities to be socially inclusive? About the alleged paradox of society and ecology in cities, In: Habitat International 64, 41-48. doi: 10.1016/j.habitatint.2017.04.005.

Grüne Stadt für alle? Zu aktuellen Herausforderungen von Stadtgrüngestaltung und sozialverträglicher Entwicklung

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