Dagmar Haase, Annegret Haase, Anna Dankowska

10. Juli 2017

geschrieben in Alle Neuigkeiten, ESP-DE Blog

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Der Garten in der Stadt – das ist mehr als nur eine Grünfläche, mehr als ein Ort der Erholung, des Anbauens von Blumen, Obst und Gemüse oder einfach ein Stück „heile Welt“. Gärten sind wichtige Orte des Erlebens und Erhaltens von städtischen Ökosystemleistungen.

Urbane Gärten sehen sich heute neuen Herausforderungen gegenüber. Großstädte in Deutschland und Europa wachsen kontinuierlich. Der Bauboom lässt erschlossenes Land knapper werden, Bodenpreise steigen. Ob traditionelle Kleingartenparzelle oder moderner Gemeinschaftsgarten – sie sind wertvolles Bauland, vor allem in der Innenstadt. Um das Überleben des urbanen Gartens langfristig zu sichern, bedarf es daher heute einer engen Kooperation der Klein- und Gemeinschaftsgärtner. Die Entwicklung in dynamisch wieder-wachsenden ostdeutschen Großstädten mag im Folgenden als prominentes Beispiel für diese Entwicklung dienen.

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich der Mensch mithilfe des Gartens die Natur in der Stadt zurückerobert. Im Zeitalter der Industrialisierung entstanden in vielen europäischen Städten öffentliche Parks, Lustgärten und Kleingartenkolonien. In den berühmten Schrebergärten in Leipzig etwa verbrachten die Stadtbewohner ihre Freizeit, bauten Obst und Gemüse an, verweilten in der Natur und entspannten. Dass Gärten auch eine politische Funktion haben, erlebte die Bevölkerung erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg: Plötzlich waren sie nicht mehr nur dafür da, um knappe Lebensmittel anzubauen. Sie wurden zu Wohnorten für Ausgebombte und Geflüchtete. Im sozialistischen Osteuropa kultivierten Kleingärtner in ihrem Gartenstück Lebensmittel, die im Handel nicht erhältlich waren.

Kleingartenanlage im Leipziger Osten. Copyright: Dagmar Haase

Nach der politischen Wende 1990 veränderte sich die Lage der Gärten in den Städten komplett, ein Prozess des Niedergangs setzte ein: Viele Kleingärten in ostdeutschen Großstädten standen leer – die neue Freiheit sorgte dafür, dass viele DDR-Bürger gen Westen übersiedelten. Kleingärten waren auf einmal nicht mehr „in“. An ihnen haftete das Image von Spießigkeit. Es schlug dagegen die Stunde der Gemeinschaftsgärten, einer Idee aus den USA: Auf einmal war es hip, inmitten der Stadt gemeinschaftlich zu gärtnern. Platz war reichlich vorhanden: Städte wie Berlin oder Leipzig nutzten Brachflächen, die durch Abwanderung und Leerstand entstanden, neu und ermutigten die Bevölkerung, ihrer Gartenlust in Gemeinschaft zu frönen. Waren die Kleingärtner noch an Abgeschiedenheit und Ruhe interessiert, standen im Gemeinschaftsgarten die soziale Interaktion, das Lernen, das Sich-Aufhalten, das Selbst-Anbauen und -Ernten in der Natur und die naturnahe Nutzung von Flächen in der Stadt im Mittelpunkt. Einige der ersten Gemeinschaftsgärten in Berlin (Rosa Rose, Prinzessinnengärten, Prachttomate) und Leipzig (Anna Linde, Querbeet) erlangten nationale Berühmtheit als lokale Zentren einer „neuen Erschließung und Nutzung der Stadt als Naturraum“. Sie stehen für die Pionierrolle von Community-Gärten, mit der innenstadtnahe Stadtteile aufgewertet wurden.

Mittlerweile hat die ostdeutschen? Großstädte die Realität eingeholt: Die Zeit der Brachflächen ist vorbei. Der wachsende Bedarf an ehemals leeren Flächen setzt urbane Gärten heute unter großem Druck. Bald könnten sie verdrängt und Opfer des eigenen Erfolgs werden, der vor allem Gemeinschaftsgärten in den letzten Jahren vergönnt war. Für prominente Beispiele wie Berlin und Leipzig gilt: Gärten sind wertvolles Bauland und für Investoren gut erschließbares Areal. Es braucht neue Ideen, die Gärten in der Stadt zu erhalten. Das Überleben von urbanen Gärten, seien es Klein- oder Gemeinschaftsgärten, hängt zu einem großen Teil davon ab, ob die Akteure der Stadt, also lokale Politiker, die lokale Verwaltung und vor allem die Bürger, sie unterstützen und fördern. Entscheidend ist die Frage, wie Stadtgärten verschiedener Form zusammenarbeiten können, damit sie weiter ein wichtiger Bestandteil der Stadtmatrix bleiben, trotz anhaltenden Nutzungsdrucks und Wachstums. Wie können sie ihren Wirkungsradius maximieren? Wie können Gemeinschafts- und Kleingärten für mehr soziale Gruppen attraktiv und zugänglich gemacht werden? Wie können sie noch stärker als bisher Orte der Begegnung, des gemeinschaftlichen Handelns, der Teilhabe sowie der lokalen Identifikation werden, so dass sie zur Lebensqualität in der Stadt beitragen und einmal mehr unverzichtbar sind?

Ein Vorschlag für eine neue Qualität städtischer Gärten ist die Idee integrierter urbaner Gartenanlagen. Die beiden Gartentypen – Gemeinschafts- und Kleingärten – sollen nicht nur koexistieren, sondern auch kooperieren und so eine breitere Zielgruppe ansprechen. Ein solches Format könnte die Vorteile beider Typen in sich vereinen: Tradition, Erfahrung, Wissen, Stabilität und Kontinuität der Kleingärten auf der einen Seite und Dynamik, Offenheit, soziales Engagement und Flexibilität der Gemeinschaftsgärten auf der anderen. Kleingärten könnten Parzellen für Gartenbauexperimente bereitstellen – um neue Sorten oder Lebensmittel für die städtischen Tafeln anzubauen. Gemeinschaftsgärten wiederum böten flexiblen Raum für Begegnung, Integration und Kommunikation. Beide Gartenformen leisteten durch gemeinsame Veranstaltungen eine effektivere Öffentlichkeitsarbeit und konzertierten ihr Handeln, um sich unentbehrlich für das urbane Leben zu machen und zur Attraktivität ihrer Stadtteile beizutragen. Kleingärtner und Gemeinschaftsgärtner wären somit gemeinsam stärker, hätten eine größere Lobby und eine Stimme, die schwerer wiegte – ganz im demokratischen Sinne. Und wenn sie im digitalen Zeitalter, in dem das Leben auf der Überholspur ein alltägliches und die Suche nach Natur und ihren Ökosystemdienstleistungen allgegenwärtig ist, den Stadtbewohnern interessante Angebote offerierten, dann könnte das Überleben der Gärten nachhaltig gesichert werden.

Gemeinschaftsgarten „Prachttomate“ mitten in Berlin. Copyright: Anna Dankowska

Aktuelle Beispiele in Berlin und Leipzig machen Mut, dass der urbanen Nutzungsform Garten ein großes Integrationspotenzial innewohnt und dass Klein- und Gemeinschaftsgärten mit gesellschaftlichem Engagement viel erreichen können. Aber die Existenz des urbanen Gartens bleibt fragil: Das Problem des knappen und teuren urbanen Baulands besteht weiterhin. Wie sturmerprobt die Idee integrierter urbaner Gartenanlagen letztendlich ist, muss sich erst noch herausstellen. Es ist eine große und langfristige Herausforderung, beide Gartenphilosophien zu vereinen. Aber es lohnt sich, zu prüfen, ob die Integration sich als eine gute Strategie erweist, dem enormen Nutzungs- und Renditedruck zu trotzen.

Ansprechpartner:

Dagmar Haase, Geographisches Institut, Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, 10099 Berlin, Germany oder Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ, Department Landschaftsökologie, Permoserstraße 15, 04318 Leipzig, dagmar.haase@ufz.de

Publikation:

Dankowska A, Haase D, Haase A 2017. Urbane Gärten – Alles Kraut und Rüben? Garten und Landschaft 3, 12-19.

Kleinod, Rückzugsraum und Open Space oder einfach nur „Urbane Gärten“. Ein großes Potenzial für urban Ökosystemdienstleistungen für alle, aber aktuell in Gefahr

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