Victoria Dietze

17. Januar 2019

geschrieben in Alle Neuigkeiten, ESP-DE Blog

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In meiner Masterarbeit „Berücksichtigung von Ökosystemleistungen in Praxis und Politik – eine Fallstudie aus Sachsen“ an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg habe ich untersucht, inwiefern das Konzept der Ökosystemleistungen (ÖSL) in der Landwirtschaft und Politikinstrumenten der Agrarpolitik etabliert ist. Im Rahmen des Projektes BonaRes – Zentrum für Bodenforschung, habe ich mit Kolleg*innen des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung – UFZ in Leipzig die folgenden Fragestellungen beleuchtet:

  1. Inwieweit sind Landwirte mit dem Konzept der ÖSL vertraut?
  2. Welche ÖSL sind für die Landwirte wichtig?
  3. Welche Informationsquellen nutzen Landwirte, um sich über das ÖSL und über Bewirtschaftungspraktiken zu informieren?
  4. Welche Politikinstrumente werden von den Landwirten akzeptiert bzw. als effektiv erachtet, um Boden-ÖSL in ihren landwirtschaftlichen Bewirtschaftungspraktiken zu berücksichtigen?

Zur Beantwortung der Fragen wurden 10 semi-strukturierte Experteninterviews mit Landwirten im Raum Sachsen durchgeführt. Zwei der befragten Betriebe wirtschaften ökologisch, die anderen acht konventionell. Unsere Auswertung ergab, dass die ökologisch wirtschaftenden Landwirte sehr genau mit dem Konzept der ÖSL vertraut waren. Sie waren bereits in einem Forschungsprojekt involviert, in dessen Rahmen sie zu dem Konzept der ÖSL informiert wurden. Die konventionellen Landwirte hatten Kenntnisse über ÖSL, ohne sie jedoch ‚Ökosystemleistungen’ zu nennen. Sie konnten sich aber den Inhalt des Konzepts über die Bedeutung des Begriffes ‚Ökosystem’ herleiten. Als die wichtigsten ÖSL wurden die ‚Nahrungsmittelproduktion’ und die ‚Pufferung und Abschwächung von Nährstoffausträgen’ genannt. Grund für die wichtige Bedeutung von ‚Nahrungsmittelproduktion’ als ÖSL für den Landwirt ist, dass sein Einkommen von dieser ÖSL abhängt. Die Landwirte bewerteten aber auch ‚Pufferung und Abschwächung von Nährstoffausträgen’ als sehr wichtige ÖSL, da sie bestrebt sind, ihren Boden mit ausreichend Nährstoffen zu versorgen. Dabei beabsichtigen sie aber nicht, einen Überschuss von Nährstoffen in Wasser und Boden zu verursachen.

Bezüglich der Frage, welche Informationsquellen Landwirte nutzen, ergab die Untersuchung, dass die befragten Landwirte Förderprogramme, wissenschaftliche Informationen aus Forschungsprojekten, Workshops, ihrer Aus- und Weiterbildung als Wissensquellen nutzen, um sich über (das Konzept der) ÖSL zu informieren. Die wichtigste Informationsquelle in Bezug auf die Umsetzung von Bodenbewirtschaftungspraktiken ist die langjährige Erfahrung. Hierbei sind Informationen gemeint, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Weitere wichtige Informationsquellen sind die Ausbildung, der Austausch mit Kollegen und Nachbarn sowie die Informationen von den Produzenten von landwirtschaftlichen Maschinen. Die langjährige Erfahrung von Landwirten spielt auch bei der Wahl der Anbaufrucht eine große Rolle. Hierzu werden auch Informationen vom sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie eingeholt. Diese führen beispielsweise Saatguttests durch und bieten den Landwirten Beratungsmöglichkeiten und Weiterbildungen an. Weitere Informationsquellen für die Wahl der Anbausorte sind Saatguthändler, Ausbildung, interne Betriebsbilanzierung, Berater oder der Austausch mit Nachbarn und Kollegen (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Wissensquellen von Landwirten (Zahlen sind die Anzahl der Nennungen) (rot bezieht sich auf das ‘Konzept der ÖSL’; orange bezieht sich auf die ‘Bodenbearbeitungsmethode’; grün bezieht sich auf die ‘Wahl der Anbausorte’) (Quelle: 10 Interviews mit Landwirten).

Die Ergebnisse der Interviews zeigten, dass die Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Kommission, insbesondere die Greening Maßnahmen, den größten Einfluss auf die Managemententscheidung von Landwirten hat. Aber auch Cross Compliance spielt eine Rolle bei der Entscheidung, welche Bewirtschaftungspraktiken Landwirte letztendlich anwenden. Die größte Kritik der Landwirte an den existierenden Politikinstrumenten war, dass diese nicht flexibel genug und nicht an regionale Bedingungen angepasst seien. Ebenso wurde die Kurzfristigkeit der Maßnahmen von fünf Jahren bei den Agrarumwelt- und Klimaschutzmaßnahmen (AUKM) von den Landwirten kritisiert. Ein weiterer Kritikpunkt war die wahrgenommene hohe Bürokratie und der Verwaltungsaufwand der Nachweispflicht für den Erhalt der Förderungszahlungen für die Landwirte. Hingegen sind die AUKM sehr beliebt bei den Landwirten, da sie einerseits freiwilliger Natur sind und zusätzlich finanzielle Anreizmittel darstellen, andererseits an betriebliche und regionale Gegebenheiten angepasst sind. Die Ergebnisse der Studie wurden in einem konzeptionellen Modell zusammengefasst (siehe Abbildung 2) und im Journal Land Use Policy publiziert.

Abbildung 2: Konzeptionelles Modell (Quelle: 10 Interviews mit Landwirten).

Wie andere Publikationen in diesem Feld auch zeigen, bedarf es eines Politikinstrumentenmix aus ordnungsrechtlichen, marktbasierten und informationellen Instrumenten, um das Konzept der ÖSL stärker in der Praxis und Politik zu verankern. Ordnungsrechtliche Instrumente könnten die Bewirtschaftung des Bodens und die Bereitstellung von ÖSL regulieren. Marktbasierte Instrumente geben zusätzliche Anreize, damit Landwirte freiwillig nachhaltige Landwirtschaftspraktiken etablieren. Informationelle Instrumente sollen dazu dienen, dass landwirtschaftliche Akteure über neue Förderungsinstrumente informiert werden. Ebenso können sie das Bewusstsein und die Akzeptanz von umweltfreundlichen Maßnahmen und deren Umsetzung bei den Landwirten erhöhen.

Ansprechpartnerin:

Victoria Dietze, Albrecht Daniel Thaer-Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaften, Fachgebiet Agrar- und Ernährungspolitik, Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, 10099 Berlin, victoria.dietze@hu-berlin.de.

Publikation:

Dietze, V., Hagemann, N., Jürges, N., Bartke, S., Fürst, C. (2019). Farmers consideration of soil ecosystem services in agricultural management – A case study from Saxony, Germany. Land Use Policy 81, 813-824, https://doi.org/10.1016/j.landusepol.2018.11.003

Bodenökosystemleistungen in der landwirtschaftlichen Praxis – Einblicke aus einer Masterarbeit in Sachsen

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