Bartosz Bartkowski

20. März 2017

geschrieben in ESP-DE Blog

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Wenn Ökonomen den Wert von Ökosystemen berechnen, konzentrieren sie sich üblicherweise auf einzelne Elemente (bspw. eine Art) oder einzelne Prozesse (z. B. Wasserfiltration). Es geht also um die Identität der Elemente/Prozesse. Gerade wenn man im Kontext der Ökosystemdienstleistungen operiert, ist dies auch durchaus sinnvoll; für diese kann man in der Regel sog. Service Providing Units identifizieren und die Bewertung auf diese beziehen. Wenn man allerdings jenseits der Identitäten, der konkreten Elemente von Ökosystemen schaut, stellt sich die Frage, ob deren Vielfalt vielleicht auch aus ökonomischer Sicht interessant ist. Die Fülle der ökologischen Literatur, die sich speziell mit der Bedeutung von Vielfalt – von Biodiversität – befasst, legt nahe, dass dies auch aus ökonomischer Perspektive interessant sein könnte. Man fragt sich also: ist ein vielfältiges Ökosystem ökonomisch wertvoller als ein weniger vielfältiges? Und wenn ja, warum?

Um diese Fragen zu beantworten, muss man sich erst einmal klar darüber werden, was eigentlich mit „Vielfalt“ bzw. speziell „Biodiversität“ gemeint ist. Gerade der zweite Begriff wird in unterschiedlichen Kontexten sehr unterschiedlich verwendet. Häufig wird er implizit als Synonym für „Natur“ genutzt – was nicht falsch sein muss; doch in analytischen Kontexten nicht sehr hilfreich. Es ist definitiv zweifelhaft, dass es die eine Definition von Biodiversität für alle Kontexte geben kann. Für die Beantwortung der Frage nach dem ökonomischen Wert der Biodiversität braucht man jedoch eine klare Definition – und zwar eine, die Biodiversität nicht mit anderen Konzepten vermischt, wie bspw. Natürlichkeit, Wildnis, Seltenheit etc. Auch ist Biodiversität nicht die „Quelle“ von Ökosystemdienstleistungen, wie oft behauptet wird – damit wird das Ökosystem (die eigentliche Quelle) mit einer seiner Eigenschaften (biologische Vielfalt) verwechselt. Gleichzeitig ist Biodiversität auch nicht einfach nur ein „Mehr“: mehr Arten zum Beispiel. Es ist ein multidimensionales Konzept, das auch die Unterschiedlichkeit (dissimilarity) beinhaltet oder die relative Verteilung (balance); und es bezieht sich mitnichten ausschließlich auf Arten, sondern auch z. B. auf funktionale Gruppen. Biodiversität lässt sich demzufolge wie folgt definieren: sie ist die Vielfalt von möglichst unterschiedlichen biotischen Kategorien, deren Elemente möglichst gleich verteilt sind.

Nun aber zurück zu unserer Ausgangsfrage: betrachten wir ein Ökosystem X, das es in zwei Varianten gibt, der diverseren X_A und der weniger diversen X_B. Gibt es einen Unterschied im ökonomischen Wert zwischen den beiden? Zunächst ist davon auszugehen, dass X_A mehr Ökosystemdienstleistungen bereitstellen kann; doch um das festzustellen, braucht man das Konzept der Biodiversität noch gar nicht. Die Frage ist also: gibt es auch einen genuin auf die Diversität zurückzuführenden Effekt, der ökonomisch wertvoll ist? Die Antwort ist ja. Und zwar aus zwei Gründen: weil die Welt dynamisch und die Zukunft unsicher sind sowie weil Ökosysteme nicht isoliert voneinander sind.

Beginnen wir mit der Unsicherheit. Menschen mögen Unsicherheit nicht, sie sind risiko-avers. Das ist der Grund, warum wir bspw. Versicherungen abschließen. Bezogen auf Ökosysteme und ihre Nutzung kann man zwei Typen von Unsicherheit unterscheiden: zum einen wissen wir heute nicht, welchen Zustand unser Ökosystem X in der Zukunft haben wird. Damit wissen wir auch nicht, wie hoch seine Kapazität sein wird, die Dienstleistungen bereitzustellen, die wir heutzutage aus ihm beziehen. Zum anderen kennen wir genauso wenig künftige Präferenzen, die sich auf das Ökosystem beziehen – weder unsere eigenen noch die unserer Nachfahren. Vielleicht werden wir in der Zukunft Elemente des Ökosystems brauchen, für die wir heute keinerlei Nutzen haben? Aber welche?

Beide Typen von Unsicherheit lassen sich verringern, wenn man die Biodiversität des Ökosystems aufrechterhält. Bezogen auf den unsicheren künftigen Zustand des Ökosystems selbst zeigt die ökologische Biodiversitätsforschung, dass es einen positiven Zusammenhang gibt zwischen dem Niveau an Biodiversität (d. h., ob wir mit X_A zu tun haben oder mit X_B) und der Stabilität bzw. Resilienz des betreffenden Ökosystems. Ein risiko-averser Mensch würde also X_A bevorzugen, weil damit die Wahrscheinlichkeit geringer ist, dass er in Zukunft auf bestimmte Ökosystemdienstleistungen verzichten muss. Wenn dieser Mensch auch noch die Interessen künftiger Generationen in seine Erwägungen einbezieht, findet er/sie X_A gar noch besser. Dies bezeichnet man als den Versicherungswert von Biodiversität.

Wie ist es mit unseren unsicheren künftigen Präferenzen? Auch hier erweist sich Biodiversität als „hilfreich“: je höher sie ist, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass wir für alle künftig anfallenden Bedürfnisse etwas parat haben. Viele Ökosystemelemente, die uns heute redundant erscheinen, könnten in der Zukunft dazu dienen, unsere Präferenzen zu erfüllen. Klassische Beispiele dafür sind biochemische Substanzen, die in der Pharmaindustrie oder zunehmend auch bei der Herstellung biogener Materialien verwendet werden können; sowie wilde Varietäten von landwirtschaftlich relevanten Pflanzen (wobei das Potenzial moderner Biotechnologie bedeutet, dass sogar unverwandte Organismen relevant sein können). Dies ist der Optionswert von Biodiversität.

 

Teosinte (oben) und der daraus gezüchtete Mais (unten) – wer hätte gedacht, dass die Teosinte einmal zu einem wichtigen Nahrungsmittel würde? (CC BY 3.0 John Doebley)

Allein die Tatsache, dass die Zukunft ungewiss ist, bedeutet, dass Biodiversität einen signifikanten ökonomischen Wert hat. Doch es gibt noch mehr. Denn X ist nicht isoliert – es interagiert auf verschiedenste Weisen mit anderen Ökosystemen. Die hier besonders relevante Interaktion ist über migrierende Arten (bspw. Lachse, Kraniche etc.): ein biodiverses Ökosystem bietet eine Vielfalt an (temporären) Habitaten. Diese Habitate können von migrierenden Arten vorübergehend genutzt werden. Je diverser das Ökosystem, desto mehr solcher Arten können potenziell „aufgenommen“ werden. Falls diese Arten aus welchen Gründen auch immer für den Menschen wertvoll sind, bedeutet dies, dass Biodiversität einen spill-over-Effekt hervorbringt – X_A kreiert mehr positive spill-over (bietet mehr potenzielle temporäre Habitate) als X_B. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für diesen spill-over-Wert sind die dehesas in der spanischen Region Extremadura: da die dortige Landschaft u. a. aufgrund menschlicher Nutzungen sehr divers ist, überwintert dort eine Reihe von Vogelarten sowohl aus dem europäischen als auch aus dem afrikanischen Norden.

Eine dehesa bei Trujillo in der spanischen Extremadura (CC BY-SA 2.5 Ardo Beltz).

Nun bleibt noch die Frage: wie ermittelt man den ökonomischen Wert von Biodiversität, bestehend aus Versicherungs-, Options- und spill-over-Wert? Es lässt sich argumentieren, dass sie ein ganz spezielles Bewertungsobjekt ist. Und ihre Besonderheiten kann man nutzen, um aus dem Wust ökonomischer Bewertungsmethoden solche auszuwählen, die besonders passend sind. Auf die Identifizierung der passenden Methoden möchte ich an dieser Stelle verzichten (diese kann in dem unten verlinkten Artikel nachvollzogen werden), es genüge an dieser Stelle, die Besonderheiten aufzulisten, die dies ermöglichen: 1) viele der durch den Versicherungseffekt der Biodiversität „versicherten“ Ökosystemdienstleistungen werden nicht auf Märkten gehandelt – will man diese Wertkomponente nicht unterschätzen, braucht man Methoden, die mit nicht-Markt-Effekten umgehen können; 2) Biodiversität und ihr ökonomischer Wert sind multidimensional, des Weiteren kann man Biodiversitäts-Veränderungen kaum losgelöst von umfangreicheren Veränderungen in dem betreffenden Ökosystem betrachten; 3) zudem sind die exakten Ausmaße vieler Biodiversitäts-relevanter Effekte unsicher (z. B. wie stark genau der stabilisierende Effekt von Biodiversität ist oder wie hoch die Wahrscheinlichkeit, dass wir in der Zukunft tatsächlich irgendetwas Nützliches in dem biodiversen Ökosystem finden werden) – 2 und 3 erfordern beide, dass man den Beitrag all der verschiedenen Teileffekte und Komponenten zum Wert des Ökosystems und seiner Biodiversität auseinanderhält, was nicht jede Bewertungsmethode leisten kann; 4) zuletzt und vielleicht am wichtigsten ist Biodiversität und ihre Bedeutung den meisten Menschen nicht bekannt – man kann kaum erwarten, dass Laien Präferenzen für Biodiversität haben, die man einfach nur abzufragen bzw. indirekt zu ermitteln bräuchte; es bedarf also Methoden, die zu der Ausbildung von Präferenzen beitragen, bevor diese dann abgefragt werden können.

Die Frage, ob ein vielfältiges Ökosystem ökonomisch wertvoller ist als ein weniger vielfältiges, lässt sich also affirmativ beantworten. Der Grund dafür ist, dass Biodiversität hilft, Unsicherheit über die Zukunft zu reduzieren, sowie zu nützlichen Interaktionen zwischen Ökosystemen beiträgt. Die Ermittlung dieses Wertes in ökonomischen Bewertungsstudien dürfte alles andere als einfach sein. Ihn zu ignorieren, hätte allerdings signifikante Reperkussionen für die Naturschutzpolitik.

Ansprechpartner:

Bartosz Bartkowski (bartosz.bartkowski@ufz.de) ist Umweltökonom und Blogger. Am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig forscht er zu Governance im Agrarkontext (BonaRes), umweltökonomischer Bewertung, Wachstum und Nachhaltigkeit, Bioökonomie. In seinem Blog „Skeptische Ökonomie“ schreibt er zu Themen „Von A wie Postwachstum bis Z wie Naturbewertung“.

Veröffentlichung:

Bartkowski, B. 2017. Are diverse ecosystems more valuable? Economic value of biodiversity as result of uncertainty and spatial interactions in ecosystem service provision. Ecosystem Services 24: 50-57. doi: 10.1016/j.ecoser.2017.02.023 

Warum ein vielfältiges Ökosystem ökonomisch wertvoller ist

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