Ina Lehmann

7. Juni 2018

geschrieben in Alle Neuigkeiten, ESP-DE Blog

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Verteilungsfragen sind regelmäßige Begleiterinnen der Governance von Ökosystemleistungen und ihre Lösung ist allzu häufig mit Zielkonflikten verbunden. So stehen Ökosystemleistungen, die vor allem zu Gunsten einer Stakeholdergruppe reguliert werden, anderen nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung. Zum Beispiel mögen Fischfangquoten zwar langfristig dem globalen Gemeingut der Erhaltung der Biodiversität dienen, können aber lokale Küstenfischer vor akute Probleme bei der Sicherung ihres Lebensunterhalts stellen. Derartige Zielkonflikte sind im Kern Gerechtigkeitsprobleme: Sie fordern uns heraus, gute Gründe dafür anzugeben, warum die Interessen einer Stakeholdergruppe stärker berücksichtigt werden sollten als die einer anderen. In empirischen Analysen der sozioökonomischen Folgewirkungen der Governance von Ökosystemleistungen werden die zu Grunde liegenden Gerechtigkeitsfragen zumeist nur am Rande und nur recht unsystematisch abgehandelt. Dies ist bedauerlich, weil gerade diese Literatur häufig mit expliziten oder impliziten Politikempfehlungen einhergeht.

In einer jüngst publizierten Studie hoffen wir einen Beitrag zur systematischeren Diskussion von Gerechtigkeitsfragen zu leisten. Im Lichte der großen normativen Herausforderungen, vor die sich die Naturschutzcommunity angesichts globaler Armut gestellt sieht, konzentrieren wir uns dabei auf die Frage, warum die Verteilung der Kosten und Nutzen der Governance von Ökosystemleistungen der Armutsbekämpfung eine hohe Priorität einräumen sollte. Unsere Analyse ist in zwei Schritten angelegt. Erstens liefern wir eine Bestandsaufnahme: Welche Kernargumente bringen sozioökonomische Analysen der Governance von Ökosystemleistungen zu Gunsten einer Priorisierung von Armutsbekämpfung vor? In einem zweiten Schritt betten wir diese in philosophische Gerechtigkeitstheorien ein, um ihre normativen Grundlagen deutlicher herauszuarbeiten. Im Wesentlichen identifizieren wir in der untersuchten Literatur drei Argumentationsmuster: Erstens fordert eine Reihe von Autoren und Autorinnen eine Priorisierung von Armutsbekämpfung aus Gründen der Suffizienz. Suffizienzbasierte Gerechtigkeitstheorien argumentieren, dass Gerechtigkeit die universale Gewährleistung eines basalen Lebensstandards verlangt. Eine weitergehende (Um-)Verteilung dagegen erfordert Gerechtigkeit nicht, denn wenn alle genug haben, besteht kein Anlass zur Klage. Dem steht ein zweites – egalitaristisches – Argumentationsmuster gegenüber, demzufolge die Kosten und Nutzen der Governance von Ökosystemleistungen anhand von Kriterien ökonomischer Gleichheit verteilt werden sollten.  Dies folgt aus der moralischen Gleichwertigkeit aller Menschen, die sich in dieser Lesart auch in einer Angleichung materieller Lebensverhältnisse niederschlagen sollte. Drittens betonen verschiedene Autorinnen und Autoren die Bedeutung der Partizipation der Stakeholder in Entscheidungen über Verteilungsfragen. Dies verweist auf die Überschneidung zwischen Gerechtigkeitstheorie und Demokratietheorie: Eine wichtige Gerechtigkeitsforderung ist demnach, Menschen als autonome Akteure zu behandeln, die selbst über ihre Angelegenheiten entscheiden können. Schließlich weisen wir auf einige Blindstellen der Debatte hin; zum Beispiel werden Fragen der Entschädigung der Armen für die historische Enteignung für sie relevanter Ökosysteme in der von uns analysierten Literatur nicht verhandelt.

Wozu hilft uns nun diese Untersuchung? Offensichtlich können und sollten wir nicht von jeder empirischen Analyse der Verteilungswirkungen der Governance von Ökosystemleistungen eine differenzierte Gerechtigkeitsdiskussion erwarten. Klar ist auch, dass es keine „richtige“ Antwort darauf gibt, was gerecht ist. Umgekehrt ist Gerechtigkeit aber keine beliebige Kategorie und Ungerechtigkeit lässt sich oft einfacher benennen als Gerechtigkeit. Wollen wir also versuchen, uns darüber zu verständigen, in welchem Rahmen die Verteilungseffekte von Ökosystemgovernance normativ akzeptabel sind, können eine klarere Verwendung von Begrifflichkeiten und ein gewisses Maß an expliziter Reflektion über vorgebrachte normative Positionen wichtige Schritte sein.

Veröffentlichung:

Lehmann, I., Martin, A., Fisher, J.A. (2018). Why Should Ecosystem Services Be Governed to Support Poverty Alleviation? Philosophical Perspectives on Positions in the Empirical Literature. Ecological Economics, 149, 265–273.

Warum eine gerechte Governance von Ökosystemleistungen Armutsbekämpfung priorisieren sollte

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