Carla Barros Erismann, Barbara Schröter, Christian Albert

10. November 2021

geschrieben in Alle Neuigkeiten, ESP-DE Blog

Die Bereitstellung von Ökosystemleistungen für den Menschen erfolgt oft nicht selbständig durch die jeweiligen Ökosysteme, sondern erfordert erhebliche menschliche Beiträge.  Ökosystemleistungen werden also gemeinsam von Natur und Menschen produziert (=Koproduktion) (s. Abb 1, Gissi und Garramone, 2018). Die Notwendigkeit eines menschlichen Beitrags ist offensichtlich – zum Beispiel muss Wasser gepumpt, gereinigt und in Siedlungen geliefert werden, um als Trinkwasser zu dienen; Nahrungsmittel müssen geerntet, gejagt oder durch verschiedene landwirtschaftliche Praktiken erzeugt werden. Kulturelle Ökosystemleistungen erfordern menschliche Eingriffe, insbesondere um spezifische Kulturlandschaftsmerkmale zu erhalten oder um Informationen und Infrastruktur bereitzustellen, die eine ästhetische Wertschätzung von Landschaften durch den Menschen ermöglicht.

 

Abb. 1.  Erzeugung von Ökosystemleistungen durch die Zusammenarbeit von Natur und Menschen

Hinter der Bereitstellung von Ökosystemleistungen stehen somit eine Reihe von Akteur:innen, die zu ihrer Bereitstellung beitragen und von ihnen profitieren.

In einer kürzlich veröffentlichten Studie (Jericó-Daminello et al. 2021) haben wir untersucht, wie Stakeholder ihre Rollen bei der Koproduktion von Ökosystemleistungen einschätzen. Im Fokus standen selbstwahrgenommene und zugeschriebene Einschätzungen des Engagements von unterschiedlichen Stakeholder-Gruppen für die Koproduktion von Ökosystemleistungen in der Flusslandschaft Lahn. Konkret widmeten wir uns zwei Hauptforschungsfragen: 1) Wie nehmen lokale Stakeholder-Gruppen ihr eigenes Engagement in der Koproduktion von Ökosystemleistungen im Fallstudiengebiet wahr? 2) Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten bestehen zwischen der selbst wahrgenommenen und zugeschriebenen Bedeutung der Stakeholder-Gruppen in der Koproduktion von Ökosystemleistungen?

 

Fallstudie Flusslandschaft Lahn

Die Lahn befindet sich in Mittelwestdeutschland. Ihr ökologischer Zustand wird derzeit als “nicht zufriedenstellend” oder “schlecht” bewertet (Umweltbundesamt, 2017). Das Blaue Band-Programm des Bundes (Blaues Band Deutschland, 2017) wurde initiiert, um die stark gefährdeten Lebensräume in und an den Bundeswasserstraßen zu verbessern und damit einen Biotopverbund von nationalerer Bedeutung aufzubauen (https://www.blaues-band.bund.de/Projektseiten/Blaues_Band/DE/00_Home/home_node.html). Es sieht für Bundeswasserstraßen im Nebennetz bei Bedarf die Erarbeitung von Entwicklungskonzepten vor, um vorhandene Potentiale zu ermitteln und nutzbar zu machen. Im Rahmen des integrierten EU-LIFE-Projektes „LiLa – Living Lahn“ wird bis Ende 2025 mit dem sogenannten Lahnkonzept eine entsprechende Zukunftsperspektive für die Bundeswasserstraße Lahn und ihre Aue erarbeitet.

Abb. 2. Das Fallbeispiel, die Lahn in Mittelwestdeutschland

Als Teil dieses Prozesses wurden die Vertreter:innen acht verschiedener Stakeholder-Gruppen mit unterschiedlichen Interessen im Juli 2018 in einer Online-Umfrage befragt. Von insgesamt 98 eingeladenen Personen nahmen 57 an der Befragung teil (55,87%). Der Fragebogen enthielt Fragen, die vier Hauptkategorien zugeordnet wurden: a) Soziodemographische Daten; b) Koproduktion von Ökosystemleistungen; c) Zusammenarbeit mit anderen Stakeholder-Gruppen für die Koproduktion von Ökosystemleistungen und d) der Einfluss auf das Management von Ökosystemleistungen. Die Befragten wurden gebeten anzugeben, ob sie an einer Aktivität zur Produktion einer Ökosystemleistungen beteiligt sind, d. h. ob sie sich selbst als Koproduzenten der vorgestellten Ökosystemleistungen sehen, und ob sie mit anderen Stakeholder-Gruppen zusammenarbeiten, um diese zu produzieren.

Für die Auswertung der Ergebnisse wurde die Methode der Sozialen Netzwerkanalyse (SNA) verwendet. Die Netzwerke für die Koproduktion von Ökosystemleistungen wurden anhand der Antworten zu den Kooperationsbeziehungen definiert. Jeder Befragte wurde gebeten, sich selbst einer Stakeholder-Gruppe zuzuordnen. Die Antworten der Gruppen sind demnach die zusammengefassten Antworten aller Befragten, die sich dieser spezifischen Gruppe zugeordnet haben.

Die Netzwerke stellen die Muster der Zusammenarbeit bei der Koproduktion jeder Ökosystemleistung dar. Jeder Knoten repräsentiert eine Stakeholder-Gruppe, und die Verbindungen zeigen an, ob eine Zusammenarbeit zwischen den Gruppen besteht. Insgesamt wurden zwölf Netzwerke erstellt, eines für jede im Projekt identifizierte Ökosystemleistung.

Für die Soziale Netzwerkanalyse wurde mit der Software UCINET 6 (Borgatti et al., 2002) Indizes wie die Zentralität der Akteure, die sich in der Größe des Knotens niederschlägt, berechnet. Für die visuelle Interpretation wurden Netzwerkgraphen mit Hilfe von Tools der Flourish.studio-Webseite erstellt.

 

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus der Studie?

Die Ergebnisse zeigen, dass sich selbstwahrgenommene und zugeschriebene Bedeutung der Akteure stark voneinander unterscheiden, je nachdem, welche Stakeholder-Gruppen den größten Einfluss auf die Koproduktion der Ökosystemleistungen haben. Die Ökosystemleistung “Energie aus Wasserkraft“ ist die einzige, bei der in beiden Netzwerken, das der Selbst- und das der Fremdwahrnehmung, die gleichen Stakeholder-Gruppen als die wichtigsten genannt wurden. Während die Gruppe „Gemeindeentwicklung und Raumplanung“ der größte Knoten in beiden Netzwerken ist, ist sie auch der einzige große Knoten in der zugeschriebenen Bedeutung. Im Netzwerk der selbstwahrgenommenen Bedeutung hingegen, teilt sie ihre Position mit zwei anderen Stakeholder-Gruppen („Motorbootsport“ und „Natur und Ökologie“). Eine weitere wichtige Erkenntnis aus dieser Analyse ist, dass es nicht immer nur eine Gruppe ist, die das jeweilige Netzwerk dominiert. In fast der Hälfte der Fälle wird die Bedeutung (= der Zentralitätswert der Netzwerkanalyse) von zwei oder mehr Gruppen geteilt.

Darüber hinaus gibt es Unterschiede zwischen den Netzwerken in der selbstwahrgenommenen Bedeutung von Stakeholder-Gruppen, aber Ähnlichkeit bei den Netzwerken im Verständnis ihrer Gesamtstruktur (Abb. 3)

Abb. 3 Kartesische Heatmap, die die Selbst-Überschätzung (dunkelviolett) und die Selbst-Unterschätzung in den kollaborativen Netzwerken für die gesamte Koproduktion von Ökosystemleistungen verdeutlicht. Die Schätzungen wurden auf der Grundlage der Differenz (P-A) zwischen der selbst wahrgenommenen (P) und zugeschriebenen (A) Bedeutung vorgenommen.

Außerdem generiert unsere Studie Wissen und liefert Informationen über die Zusammenhänge zwischen Ökosystemleistungen und wie sie bereitgestellt werden, genauer gesagt, welche Gruppen sich für ihre Bereitstellung mitverantwortlich fühlen oder von anderen Stakeholder-Gruppen als verantwortlich eingeschätzt werden. Ein Vergleich zeigt, dass die zugeschriebene Bedeutung der Stakeholder-Gruppen in allen Ökosystemleistungsnetzwerken breiter gestreut ist als ihre selbstwahrgenommene Bedeutung. Bei den zwölf Netzwerken schätzten sich nur vier Gruppen selbst als die wichtigste ein, während aber sechs Gruppen die höchste Bedeutung zugeschrieben wird. Für die zugeschriebene Bedeutung gibt es auch eine größere Streuung, wenn man die Anzahl der wichtigen Stakeholder-Gruppen für jede Ökosystemleistung berücksichtigt. Sechs Ökosystemleistungen spielen eine zentrale Rolle für zwei oder mehr Gruppen in der zugeschriebenen Bedeutung, im Vergleich zu zwei Ökosystemleistungen in der selbstwahrgenommenen Bedeutung. Vergleicht man die selbstwahrgenommene mit der zugeschriebenen Bedeutung, so sind nur drei Interessengruppen auf beiden Seiten vertreten („Kommunale Entwicklung und Flächenplanung”, „Angelfischerei” und „Wasserwirtschaft”). Die „Freizeit-Motorbootfahrer“ sehen sich selbst in elf Netzwerken als am wichtigsten, ihnen wird jedoch von anderen keine Bedeutung zugeschrieben. Umgekehrt verhält es sich bei der Gruppe „Natur und Ökologie”. Während sie für keine Ökosystemleistung eine zentrale Bedeutung bei deren Bereitstellung für sich selbst wahrnehmen, wird ihnen diese aber von anderen für zehn Ökosystemleistungen zugeschrieben. Die Gruppen „Muskelbetriebene Schifffahrt ” und „Naherholung und Tourismus“ erscheinen beide nur in der zugeschriebenen Bedeutung. „Wasserwirtschaft“ ist die Gruppe, die das beste Gleichgewicht zwischen der Selbst- und der Fremdwahrnehmung aufweist. Die Gruppen „Natur und Ökologie“ und „Kommunale Entwicklung und Flächenplanung“ sind die Gruppen, die häufiger eine unterschätzte Bedeutung zeigen. Im Gegensatz dazu werden „Motorisierte Schifffahrt“ und „Angelfischerei“ häufiger überschätzt.

Schließlich weist unsere Studie auf wichtige Fragen im Zusammenhang mit der Steuerung von Ökosystemleistungen hin, darunter die Notwendigkeit, Machtungleichgewichte zu beseitigen und die Zusammenarbeit zwischen Stakeholdern zu fördern, um eine nachhaltige und gerechte Bereitstellung von Ökosystemleistungen zu gewährleisten.

Diese Ergebnisse sind wichtig indem sie eine Grundlage für die Gestaltung von Governance-Strukturen und politischen Instrumenten in einem integrativeren und anpassungsfähigeren Prozess schaffen (Loft et al., 2015). Die selbstwahrgenommenen und zugeschriebenen Bedeutungen von Stakeholdern sind nützlich, um sich der Akteur:innen bewusst zu werden, die an der Koproduktion von Ökosystemleistungen beteiligt sind. Durch diesen Prozess kann die Gestaltung von Governance-Strukturen verändert werden, zum Beispiel von Top-down-Modellen hin zu Multi-Stakeholder-Governance als adaptives Management, Co-management oder Community-based Management (Mann et al., 2015). Insbesondere Stakeholder-Gruppen, die noch nicht in die Gestaltung partizipativer Modelle einbezogen wurden, können zu einem späteren Zeitpunkt eingeladen werden, wenn sich herausstellt, dass sie eine Schlüsselrolle bei der Koproduktion von Ökosystemleistungen spielen.

Veröffentlichung

Jericó-Daminello, C., Schröter, B., Mancilla Garcia, M., & Albert, C. (2021). Exploring perceptions of stakeholder roles in ecosystem services coproduction. Ecosystem Services, 51, 101353. https://doi.org/10.1016/j.ecoser.2021.101353

Zitierte Literatur:

Blaues Band Deutschland, 2017. Bundesprogramm Blaues Band Deutschland Eine Zukunftsperspektive für die Wasserstraßen – _beschlossen vom Bundeskabinett am 1. Februar 2017.

Borgatti, S. P., Everett, M. G. & Freeman, L. C. Ucinet for Windows: Software for Social Network Analysis.  (Analytic Technologies, 2002).

Gissi, E., Garramone, V., 2018. Learning on ecosystem services co-production in decision-making from role-playing simulation: comparative analysis from Southeast Europe. Ecosyst. Serv. 34, 228–253. https://doi.org/10.1016/j.ecoser.2018.03.025.

Loft, L., Mann, C., Hansjürgens, B., 2015. Challenges in ecosystem services governance: multi-levels, multi-actors, multi-rationalities. Ecosyst. Serv. 16, 150–157. https:// doi.org/10.1016/j.ecoser.2015.11.002.

Mann, C., Loft, L., Hansjürgens, B., 2015. Governance of ecosystem services: lessons learned for sustainable institutions. Ecosyst. Serv. 16, 275–281. https://doi.org/ 10.1016/j.ecoser.2015.11.003.

Umweltbundesamt, 2017. Gewässer in Deutschland. Zustand und Bewertung. Dessau- Roßlau

Wie bewerten Stakeholder ihre Rollen bei der Koproduktion von Ökosystemleistungen? Eine Analyse am Beispiel der Lahn-Flusslandschaft

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Bitte beachte, dass Kommentare gemäß unseren Richtlinien für Kommentare moderiert werden.
Ich habe die Bedingungen der Datenschutzerklärung gelesen und stimme zu *