Dagmar Haase, Annegret Haase, Dieter Rink

11. März 2019

geschrieben in Alle Neuigkeiten, ESP-DE Blog

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Die Schrumpfung von und in Städten ist seit Längerem eine wichtige Frage für Städte und Stadtregionen in Europa, Japan, Teilen der Vereinigten Staaten und anderen Regionen weltweit. Schrumpfung bedeutet  in erster Linie Verluste von Bevölkerung und oftmals auch Wirtschaftskraft und Arbeitsplätzen. Direkte Folgen sind z.B. Wohnungs- und Gewerbeleerstand, eine Unternutzung von Infrastruktur sowie, als Konsequenz,  der Abriss von Bausubstanz und das Brachfallen urbaner Flächen. Zugleich bietet die geringe Nachfrage an Raum oder Fläche aber auch die Chance für eine erneuerte und zusätzliche Begrünung in dicht bebauten und altindustrialisierten Städten. Gerade auf nicht mehr gebrauchten Bahnanlagen oder innerstädtischen Flugplätzen, aber auch auf Abrissflächen in Gewerbe- und Wohngebieten entstehen so Flächen für neue urbane Wälder, neue Parks oder Stadtgärten, welche eine ganze Reihe wertvoller Ökosystemleistungen für die Stadtbewohner bereitstellen: Naherholung, Kontakt zu Natur, Klimaregulation und Abkühlung an heißen Sommertagen, Heimat für Stadtbienen, Hummeln und viele verschiedene Vogelarten. Bei ansteigenden Zahlen von Stresserkrankungen in der Stadt sind grüne Flächen auch wichtige Orte mentaler Erholung und Stärkung in der Stadt des 21. Jahrhunderts. Im Folgenden wird dieser Zusammenhang zwischen Schrumpfung und Ökosystemleistungen in Städten am Beispiel der Großstadt Leipzig, welche eines der prominentesten Beispiele für Langzeitschrumpfung in (Ost-)Deutschland bis etwa zum Jahr 2000 darstellt, etwas näher beleuchtet.

Bild 1: Nachnutzung urbaner Brachen: Stadtvillen und deren grüne aber exklusive Umgebung. Copyright: Dagmar Haase

Leipzig blickt auf eine lange Schrumpfungsgeschichte zurück; die Stadt verlor seit den 1960er Jahren bis 2000 stetig an EinwohnerInnen, am massivsten von 1989-1998, wo sich die Bevölkerung innerhalb eines Jahrzehnts um etwa 20% verringerte. Seit 2000 wächst Leipzig wieder, in den letzten Jahren sehr dynamisch. Auch wenn mittlerweile Wachstumslogiken die Flächenpolitik in Leipzig dominieren, können wir durch Analysen im und kurz nach dem Zeitraum der Schrumpfung zeigen,  dass Schrumpfung Potenziale für die Verbesserung von Ökosystemleistungen in Städten bietet, wenn man Um- und Neunutzungen von brachfallenden oder leerstehenden Flächen bewusst vornimmt. Leipzig wird gern als ein Ideengeber und Innovator in Bezug auf den Umgang mit Leerstand und urbaner Perforation genannt und in der Tat, innovative Lösungen wie die Gestattungsvereinbarung, die Wächterhäuser, Stadtvillen (Bild 1) oder eine Reihe von neuen modernen Parks als Nachnutzung von Gleisanlagen kann die Stadt seit den 2000er Jahren aufweisen. Verschiedene  Fallbeispiele zeigen, dass die Begrünung innerstädtischer großer aber auch sehr kleiner Flächen lokale bis stadtregionale Wirkungen auf Klima, Biodiversität und Erholungsfunktion haben. Grüne Flächen kühlen, wenn man sich dort aufhält und sie wirken kühlend bis in die bebaute direkte Umgebung (Bild 2).

Bild 2: Kühlungsfunktion und -reichweite urbaner Grünflächen am Beispiel von Leipzig. Copyright: Dagmar Haase

Dabei ist es aus wissenschaftlicher aber auch planerischer Sicht wichtig, dass die Ökosystemleistungspotenziale, welche durch schrumpfungsbedingte Flächennutzungsänderung entstehen (können), systematisch aufgenommen und auch „durchgerechnet“ werden – praxiserprobte und modellbasierte Daten stehen den Wissenschaftlern zur Verfügung und wurden/werden mittlerweile in viele europäischen Städten erfasst. Wir haben in unserem schrittweisen Ansatz zuerst eine Matrix entwickelt, welche die typischen Flächennutzungsveränderungen durch Schrumpfung, Leerstand, Abriss, Versiegelung leerer  Flächen, Entsiegelung von Brachen oder Sukzessionsprozesse mit wichtigen urbanen Ökosystemleistungen wie Erholung, Klimaregulation, Wasserrückhalt, Nahrungsmittelproduktion oder Luftfilterung in Zusammenhang bringt. Beispielweise so: Eine unversiegelte Fläche kann kühlere Luft produzieren als ihre direkte bebaute Umgebung und sukzessiv wachsende Kräuter bieten Bienen oder Schmetterlingen eine Nahrungsquelle. In einem zweiten Schritt haben wir dann diese Ökosystemleistungspotenziale mit Merkmalen der menschlichen Lebensqualität in der Stadt verknüpft, auch wieder in einer Matrix. Die kann man folgendermaßen lesen: Auf der unversiegelten Fläche, die kühler ist und wo Bienen und Schmetterlinge fliegen, kann man sich gerade an heißen Sommertagen wohnungsnah erholen und man kann auch Obst oder Gemüse anbauen (Bild 3). Und bei heftigen Gewittern kann die unversiegelte Fläche den versammelten Niederschlag der umgebenden Dächer aufnehmen sodass dieser nachhaltig im offenen Boden versickert und das Grundwasser nährt. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel unserer Berechnungen hat gezeigt, dass die Entsiegelung von Leerstandsflächen in einer Stadt wie Leipzig potenzielle Garten-/Anbauflächen von >3 000 Hektar freiwerden ließe auf denen man bis zu 10 000 kg/ha gesunde Lebensmittel anbauen (könnte). Bedeutsam wären auch die 54 958 000 Partikel pro Kubikmeter Luft weniger, welche durch die Anlage von Straßenbäumen, die Begrünung von innerurbanen Leerständen oder die Begrünung von Dächern der Häuser in der Stadt erreicht werden könnten. Eine konsequente Begrünung von ehemaligen leerstehenden Wohngebäuden und Industrieanlagen in Parks und andere öffentliche Grünflächen würde die Erholungsflächen der Stadt um 4 000 Hektar wachsen lassen und, um ein letztes Beispiel anzuführen, eine konsequente Bepflanzung freier Flächen mit Bäumen würde 71 445 Tonnen CO2 aus der Leipziger Luft verbannen.

Bild 3: Nach- und Zwischennutzung von Brachflächen in der Stadt als community-orientierte Landnutzungsform zur Bereitstellung von Erholungs-, Produktions- und regulierenden Ökosystemleistungen. Copyright: Dagmar Haase

Gerade urbane Brachen liefern jedoch keine Ökosystemleistungen „per se“, also „einfach so“: Sie müssen gestaltet, humoser Oberboden muss aufgebracht, sie müssen teilweise dekontaminiert werden und dauerhaft unterhalten bzw. gepflegt, was einmalige und dauerhafte Kosten verursacht und häufig unterschätzt wird. Darüber hinaus dauert es, bis solche Flächen ein neues Image bei der Stadtbevölkerung bekommen. Leipzigs neuer Stadtteilpark Rabet im inneren Osten, teilweise auf Abrissflächen entstanden und aufwendig designt, brauchte Jahre, um akzeptiert zu werden, da es sich einerseits um eine ehemalige jahrzehntelange Wohnbrache handelte.  Insofern werden Brachen nicht im neutralen Raum (um)gestaltet, sondern sind immer im Kontext mit ihrer Umgebung (und deren Veränderung) zu sehen. Und doch sind solche Schrumpfungsbrachen exzellente Experimentierräume für neue Nutzungen und Akteure der Zivilgesellschaft im Stadtraum, Syndikate, Vereine, Interessensgruppen, welche auch der klassischen Stadtplanung neue Impulse des nachhaltigen Umgangs mit Flächen im Sinne eines Prozesses verleihen. Komplexe Governancestrukturen sind dann oft das Ergebnis, welches das Leben mit Informalität von Raumaneignung und zeitlicher Begrenztheit von Maßnahmen, Eigentum und Interventionen in der Stadt möglich gemacht hat. Fast noch faszinierender ist es, dass genau diese Governancestrukturen auch bei aktuellem Wiederwachstum in Leipzig interessiert sind, Stadtgrün und somit Ökosystemleistungen, welche durch Schrumpfung entstanden sind, erhalten helfen. Allerdings weisen aktuelle Bestandsaufnahmen gerade zu den grünen Gestattungsvereinbarungen darauf hin, dass sie dem aktuellen Bebauungsdruck nicht standhalten können und somit neben den bestehenden auch neue Instrumente für einen Schutz von Ökosystemleistungen unter Wiederwachstum/Innenverdichtung nötig sind.

Ansprechpartner:

Dagmar Haase, Geographisches Institut, Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, 10099 Berlin, Germany, dagmar.haase@geo.hu-berlin.de und Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ, Department Landschaftsökologie, Permoserstraße 15, 04318 Leipzig, dagmar.haase@ufz.de

Publikationen:

Haase D, Haase A, Rink D, 2014. Conceptualising the nexus between urban shrinkage and ecosystem services. Landscape and Urban Planning 132:159–69. https://doi.org/10.1016/j.landurbplan.2014.09.003

Haase D, Haase A, Rink D, Quanz J 2019. Shrinking Cities and Ecosystem Services: Opportunities, Planning, Challenges, and Risks. In: Schröter M., Bonn A., Klotz S., Seppelt R., Baessler C. (eds) Atlas of Ecosystem Services. Springer, Cham.  https://doi.org/10.1007/978-3-319-96229-0_42.

Rink D, Behne S, 2017. Grüne Zwischennutzungen in der wachsenden Stadt: Die Gestattungsvereinbarung in Leipzig. Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen [Statistischer Quartalsbericht I/2017].

Ökosystemleistungen in schrumpfenden Städten: Optionen, Governance und Herausforderungen

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